Lange habe ich gezögert, bis ich zur Doggy Bag griff - als Djian-Einsteigerin. Die Idee einer Soap in Buchform bestehend aus 6 Seasons hat mir von Beginn an gut gefallen. (Ich vertraue auf die Meinung der zahlreichen Djian-Kenner und werde mich in seinem Werk von vorne nach hinten arbeiten und die ältesten Roman zuletzt lesen - das Beste zum Schluss.)
Der Vater Victor (70 Jahre) alt lebt in einem Hotel und kommt zum Schluss, dass es ab einem bestimmten Alter nicht mehr lohnt, die Familie wegen belebender Sexgeschichten zu verlassen - schließlich ist es mit der wilden Partyzeit nicht mehr so weit her. Irene (63 Jahre) hantelt sich von einem Glas Wermut zum folgenden bis zu dem Zeitpunkt an dem Edith (40 Jahre) nach zwanzig Jahren wieder auf die Bildfläche zurückkehrt. Edith, die vor zwanzig Jahren nicht entscheiden konnte zwischen den beiden Söhnen David dem älteren (42 Jahre) und Marc dem um ein Jahr jüngeren und sie damals so gegeneinander aufgebracht hatte, dass sie sich beinahe zerfleischt hätten, ...
Trotz Familienturbulenzen und durchwegs überraschenden Elementen, die ein Leben drastische verändern können, kommt die literarische Soap nicht an Klassiker wie "Dallas" oder "Reich und Schön" heran - gut so. Sehr humorvolle Episoden reihen sich (oft ohne Übergang) an tragische Ereignisse, das Erzähltempo ist überaus hoch, die Charaktere durchwegs eigentümlich. Am Ende bleibe ich Leser mit halben Wahrheiten zurück gelassen - und nun will ich wissen, wie das weiter geht - ganz nach Sinn und Zweck einer Soap.
Season zwei steht bereits im Regal.
- Bewertung: 4/5
Zweifelsohne: der Mann hat schon Größeres zustande gebracht. Die Story ist wie immer nett (wenn auch nicht mehr als nett, aber auch das sind wir schon gewöhnt) und der Rahmen beinhaltet in guter alter Tradition das gesamte Spektrum an Sex, Familie, Sex, Business, Sex, Schicksalsschlägen, Sex, Alkohol, Sex, Drogen und Sex.
Seine eigene, ihn durchaus von immer wieder gerne vergleichend herangezogenen Literaten wie Houellebecq und Beigbeder unterscheidende Struktur, die Geschichte nach und nach mit interessanten - scheinbar längst überfälligen - Details zu füttern, funktioniert auch bei "Doggy Bag" wieder prächtig.
Was ich hingegen sehr schade finde ist, dass man Djians Handlungssträngen mittlerweile ohne weiteres folgen kann, wenn man sich ausschließlich die Kopulationszenen zu Gemüte führt. Letztlich sind sämtliche wichtigen Ereignisse entweder zurückzuführen auf-, unweigerlich führend zu- und/oder ausgelöst durch, nun ja, F...en (manch einer mag argumentieren, dass sich dies im wahren Leben ja ähnlich verhält...).
Ebenjene Entwicklung zeichnet sich bei Djian seit geraumer Zeit ab und führt nun in "Doggy Bag" leider zu oben erwähnter Beschneidung der Story in Sachen Tiefe und Umfang.
Insofern ein nettes, nicht mehr als durchschnittliches Werk eines mittlerweile irgendwie siechen Autors, von dem ich gerne wieder mal einen Kracher wie "Matador" oder "Rückgrat" lesen würde.
Ach ja, noch was: sollte sich ein auf 250-Seiten-Bücher spezialisierter Autor auf wundersame Weise befähigt fühlen, ein 1200-Seiten-Werk zu fabrizieren, so soll er das um Gottes Willen auch tun! Stattdessen klopft Djian (oder auch sein Verlag; ich mag ihm nichts unterstellen) zu ein und demselben Thema im Halbjahrestakt die üblichen Chargen mal sechs raus...
- Bewertung: 3/5
Eine Seifenoper in Romanform, allein das hört sich schon interessant an. Und genau so ist es auch, man fühlt sich an die gewöhnlichen Elemente einer Seifenoper erinnert: Die schöne ehemalige Geliebte, die Tochter mit unbekanntem Vater, das gutgehende Geschäft, die Affäre, die Schicksalsschläge, die hier gehäuft auftreten ... alles ist da.
Natürlich leidet auch die Qualität des Geschriebenen darunter, dass es eine Seifenoper darstellen soll. Umgangssprachlich, platter als gewohnt, weniger abwechslungsreich und geschliffen ist die Sprache dieses Romans.
Die Charaktere selbst sind interessant, aber scheinen wenig selbstständig handeln zu können. Sie sind getrieben von ihren Leidenschaften, stürzen sich ohne nachzudenken ins Verderben, hat man den Eindruck. Als Leser sieht man den beiden Männern zu, schüttelt nur den Kopf und denkt sich: "Das ist ganz dumm, was du da machst." Aber man kann es ihnen ja nicht verbieten, ebenso wenig wie die Mutter, die zu drastischen Maßnahmen greift beim Versuch, ihre Söhne vor "dieser Hure" zu schützen. Auch Édith sieht, dass ihre Anwesenheit nur wenig Gutes hervorruft, kann sich aber nicht aufhalten. Und so sieht man den Charakteren zu, wie sie umeinander kreisen, ihre Umlaufbahnen verengen und alles auf einen großen Zusammenstoß hinsteuert.
Auch wenn "Doggy Bag Eins" nur der erste Teil einer sechsteiligen Serie ist, kann man ihn eigenständig lesen und sich erst orientieren, ob diese Art Roman überhaupt für einen geeignet ist. Wenn ja, sollte man sich die nächsten fünf Bände auch noch zulegen, wenn nicht, dann hat man wenigstens eine neue Entdeckung gemacht: Seifenopern funktionieren im Fernsehen, als Roman sind sie dann doch etwas zu anspruchslos. - Bewertung: 2/5
Ich stimme denen nicht zu, die meinen, das habe nichts mehr mit dem viel gepriesenen Stil (vor allem von ihm selbst) von Djian zu tun. Natürlich lässt sich das nicht mit "Rückgrat" und "Verraten und Verkauft" vergleichen. Aber das tun die späteren Werke von Djian alle nicht.
Sprachlich und inhaltlich erinnert mich "Doggy Bag: Eins" an die Mörder-Trilogie. Die war auch eine nette Urlaubslektüre, aber eher zum Konsum als zum Mehrfach-Lesen geeignet. Ich finde, hier passiert sogar mehr (wobei die ganz großen Überraschungen in den vorhergehenden Romanen zum Teil so gut versteckt waren, daß man sie schon mal überlesen konnte).
Erstaunlich, dass ein Autor, der bisher mit einem Buch pro Jahr mehr als gefordert war, plötzlich sechs auf die Beine stellt. Aber das ist die Alters-Weisheit und auch die Routine (der Satz "man muss den Kelch bis zur Neige leeren" zieht sich routiniert durch sein Gesamtwerk).
Bisher (Band 1) wird Djian seinem Anspruch gerecht: Ich habe schon mehrfach den Fernseher ausgestellt und zum Buch gegriffen. Ich bin gespannt, wie es weitergeht, und behalte mir vor, meine Wertung zu revidieren. Aber der Anfang war vielversprechend.
Nachtrag: Ich bin jetzt bei Band 5 und behalte meine Wertung bei. Am Ende des letzten Bandes werde ich eine abschließende Kritik schreiben (die ich dann unter Band 6 einstelle). Nur so viel sei verraten: Es gibt mehr Überraschungen, als das Leben für ein gutes Buch bereithält. Aber es handelt sich hier ja um eine Soap!
- Bewertung: 4/5
Das Stichwort "Soap" hat mich gereizt. Und die Grundstory an sich ist eine nette Idee. Aber muss ein Autor so umgangssprachlich schreiben, wie man redet? Sicherlich erreicht er damit ein Publikum, das sonst nur fernsieht, wie er sagt. Aber ein bisschen Stil sollte ein Buch haben und sich nicht so herabsetzen. Auch die Werte, die vertreten werden, gefallen mir nicht: Eltern-Kind-Konflikte sind immer wieder ein durchaus gutes Thema und es ist auf jeden Fall in Ordnung, die eigenen Eltern kritisch zu sehen und sie auch mit ihren Fehlern zu konfrontieren. Hier kommt allerdings Herablassung und mangelnde Achtung ihnen gegenüber rüber. Und das ist dann wiederum ein Lebensgefühl, was transportiert wird, das destruktiv ist. Andere Autoren schaffen es, problematische, gewalttätige oder erbärmliche Familienkonstellationen darzustellen, ohne dass es so unter die Gürtellinie geht. - Bewertung: 1/5
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